Peru - durch die Vilcanota

1. Zur Pampa Puca Puca

Noch einmal drehen wir uns um, dann ist Pascal mit Pucapuncho verschwunden. Schon bald werden sie den 5000m hohen Campa-Pass erreicht haben und auf den Geröllfeldern hoch über dem Gletscher zurück zum Seenplateau um den Azulcocha eilen. Und sicher werden sie nicht an der türkisenen Lagune bleiben, sondern noch im Dunkeln versuchen, Tinqui zu erreichen.
Dort sind wir gestern gestartet. Jeden Sonntag ist im wichtigsten Ausgangsort zur Vilcanota ein farbenprächtiger Viehmarkt, und so kamen sie uns entgegen: Pferde, Rinder, Schweine - nur die Alpakas brauchten nicht mehr laufen, die wurden schon gehäutet zum Markt getragen. Pucapuncho wurde am ersten Anstieg von einem Stier abgedrängt, er stürzte und warf seine Last ab. Aber das brave Pferdchen beruhigte sich bald, und den Rest des Tages zogen wir gemütlich unter der gewaltigen Nordwand des Auzangate entlang.
Der Auzangate hinter Tinqui
Jatunhuma
Nun sind wir nur noch zu zweit, Nahrung für mehr als eine Woche haben wir noch, und auch die Eisausrüstung ist dabei. Wir wollen den Auzangate umrunden und besteigen, aber auch einfach dahin gehen wo es uns gefällt. Vor uns liegt das breite Jampamayo-Tal, baum- und strauchlos wie die gesamte Vilcanota. Unter den Eisgipfeln weiden riesige Alpakaherden, aber es gibt keine Dörfer, nur ab und an ein paar Hirtenhütten. Wir schultern unsere Monsterrucksäcke und steigen zwischen Schneeresten über bequeme Graspolster in die Talsohle ab. Der Gletscherfluss lässt sich ohne Probleme überwinden. Durch eine Alpakaherde kommen wir zu einer Hütte, der Boden hier ist schwarz vom Kot. Kein Mensch ist zu sehen und auf schmalen Viehpfaden steigen wir hinauf in die Pampa Puca Puca. Die Vegetation wird immer spärlicher, dafür spielen die Schotterhänge mit allen Farbtönen. Wir folgen den Spuren von Vicunas durch ein Schneefeld. Schon hier gefällt mir der Schneeaufbau nicht, lockerer Pulver mit Graupelkörnern versetzt. Auf einem Grat aus rotem Schotter wandern wir auf 5200m hoch über dem Gletscher des Jatunhuma. Wegen seiner drei Gipfel heißt er auch Picos Tres. Wir wollen versuchen, hier oben einen Lagerplatz zu finden, um morgen einer seiner Gipfel zu besteigen. Aber schon bald wird das Gelände steiler, im brüchigen Gestein ist das Steigen mit den schweren Lasten zunehmend riskant. Ich lasse den Rucksack stehen und wühle mich im Schotter eine Steilstufe hinauf. Ein vernünftiger Lagerplatz ist nicht zu finden, und so rutschen wir im Abendlicht eine Schutthalde hinunter in die Pampa. Von oben haben wir Wasser schimmern gesehen, aber es ist stark verschlammt. Nach einer Weile Geländestudium werden wir dann doch fündig, von einem kleinen Gletscher läuft ein schmales Rinnsaal unter dem Schotter. Mit etwas Graben kommen wir an das sandige Nass. Kaum steht das Zelt, sucht uns der in der Vilcanota übliche spätnachmittägliche Graupelschauer heim, aber danach gibt es eine wundervolle Abendstimmung mit Blick auf den Auzangate.
Auzangate abends

2. Nevado Huayruro Punco

Noch im Dunkeln sind wir wieder oben im Schotter. Mit leichteren Rucksäcken erreichen wir ohne Probleme den Huayruro Pass. Wir erleben einen grandiosen Sonnenaufgang. Im Osten erwacht der riesige Sibinacocha aus seiner nächtlichen Starre. Und hinter uns wird die beeindruckende Gipfelpyramide des Auzangate von der Morgensonne in buntes Licht getaucht.
Auf der Landkarte ist hier nur eine weiße Gletscherfläche eingezeichnet. Aber schon längst hat sich das Eis zurückgezogen und einen brüchigen Gebirgszug hinterlassen. Der Zugang zum Jatunhuma ist deshalb von hier kaum noch möglich, doch in dieser einmaligen Umgebung wird deshalb kein Verdruss aufkommen. Zuerst spielen wir auf einigen Eisinseln herum, die der Gletscher abgestellt hat. Später wandern wir zwischen Gletscherresten über den bunten Schotter auf den Nevado Huayruro Punco, ein wunderschöner Aussichtgipfel von ca. 5500m Höhe.
auf dem Huayruro Punco, Blick auf den Sibinacocha, am Horizont das Quelcaya-Innlandeis.
Um unser Zelt weiden nun Pferde, während wir abbauen nähert sich die junge Hirtin. Scheu steht sie dicht neben uns, ein Lächeln kann ich ihrem offenen Blick nicht entlocken und auf das „Hola“ gibt es keine Antwort. Plötzlich springt sie auf ihr sattelloses Reitpferd und in wildem Galopp geht es dahin. Als wir zwei Stunden später unten am Jampamayo wieder aufbauen, ist sie plötzlich wieder da. Diesmal gibt es ein klares Lachen, zwei-, dreimal dreht sie mit ihrem Pferd auf der Stelle und stiebt davon. Noch lange geht mir diese Begegnung im Kopf herum. Selten habe ich in Südamerika eine Frau reiten gesehen, und schon gar nicht so gekonnt. Ob sie außer Quechua auch Spanisch spricht?
Hazienda Finaya
Am nächsten Tag laufen wir am Jampamayo talwärts, vorbei an hunderten Alpakas erreichen wir an der Hazienda Uchuy Finaya mit 4400m den tiefsten Punkt unserer Runde. Es gibt ein sorgsam ummauertes Gerstenfeld, und die Häuser sind aus Adobeziegeln erbaut, nicht nur aufgeschichtete Steine. Wir rasten und plaudern in klarem Spanisch mit der jungen, fast zahnlosen Bäuerin. Sie möchte, daß ich ihr Kind fotografiere. Jetzt geht es wieder hinauf, ziemlich müde trotten wir zum Auzangate Basecamp. Statt Zelten empfängt uns ein monströser Hotelneubau. Verlassen und unbenutzt liegt das Gebäude da. Eine „Comfort Lodge“, wie sie auch von namhaften deutschen Reiseveranstaltern benutzt wird. Unter dem Verweis auf lokale Arbeitsplätze soll eine zahlungskräftige Klientel in die Ferne gelockt werden und dabei ihren gewohnten Lebensstandard nicht verlassen müssen. Ob es dabei nicht doch mehr um den Profit der Agenturen geht?
Trotzdem ist dies ein Traumplatz, auf einem Plateau oberhalb sieht man nichts mehr von der Trutzburg, dafür aber das große Gletscherbecken zwischen Auzangate und Mariposa. Eine italienische Expedition hat dort vor ein paar Tagen tiefe Gräben durch die Neuschneemassen gezogen, schon in eher flachem Gelände haben sich Schneebretter gelöst. Uns kommen immer mehr Bedenken, ob wir nur zu zweit unser Ziel erreichen werden. Oben am Auzangate haben wir bislang keine Spuren entdeckt, und außer uns ist niemand hier.
Aufstieg ins Basecamp

3. Auzangate

Schon früh am Morgen wuchten wir unsere Rucksäcke über tief verschneite Steine, erst später auf der sonnigen Nordostseite wird die Moräne aper und das Steigen fällt leichter. Da wir bereits gut akklimatisiert sind lassen wir das Felslager auf 5400m aus. Durch steilen, sehr mühsamen Schotter kämpfen wir uns auf den Gletscher. Hier werden wir von einem Steinhagel empfangen, um anseilen zu können müssen wir erst die Einschlagzone seitlich verlassen. Es ist nun brütend heiß und langsam steigen wir an einem Bruch vorbei auf das Gletscherplateau. Das ist wild zerrissen, aber nach dem ersten Schreck finden wir einen geeigneten Lagerplatz.
Direkt über uns führt eine steile Rinne zum Gipfelaufbau, wider Erwarten gibt es eine Spur, aber sie scheint in der Mitte des Couloirs zu enden. Der Rest des Tages vergeht mit Schnee schmelzen und Aussicht genießen. Der Sonnenuntergang ist unglaublich, und wir sind uns sicher, daß allein dieser Abend den ganzen Weg hierher wert ist - egal was morgen sein wird.
Mit -10°C blieb die Nacht für diese Höhe eher mild, noch mit Stirnlampen stapfen wir morgens zum Couloir. Trotz der Spur brechen wir immer wieder bis zur Hüfte ein, aber in der Rinne gibt es dann guten Trittschnee. Wir steigen gleichzeitig, und erst als die Spur endet, beginnen wir zu sichern. Eigentlich ist jetzt schöner Firn, aber darunter schimmert das Eis. Bei jedem Schritt klingt die Firnauflage hohler, ganz zart setzte ich die Eisgeräte. Mit dem ersten Sonnenstrahl kann ich eine Eisschraube eindrehen und so das ganze absichern. Noch eine kurze Querung, und ich stehe oben - nur um bis zum Bauch im Pulver zu versinken. Vor uns liegt ein großer Gletscher der zum Gipfel führt, unberührt und tief verschneit. Ich probiere nur ein paar Schritte, sofort ist mir klar, daß wir den Gipfel heute nicht erreichen können.
Abends stolpern wir zurück ins Basecamp. Hier ist Leben eingekehrt, eine deutsche Expedition fragt uns nach den Bedingungen. Wir werden eingeladen und genießen das Sitzen auf Stühlen, warmes Wasser zum Händewaschen und die gute Küche. Ein sehr angenehmer Abend, trotz der unterschiedlichen Art, unterwegs zu sein. Später erfahren wir, daß auch sie auf dem Gletscher stecken geblieben sind.
Mariposa, Jatunhuma, Jatunriti

4. Zurück nach Tinqui

Nur zwei Stunden nach dem Basecamp sind wir am Palomani-Pass schon wieder deutlich über 5000m. Um uns rote und gelbe Wellen aus Sand, darüber der zerrissene Gletscher des Auzangate. Mit gemischten Gefühlen schauen wir hoch, gestern war das erst...Wenn wir nicht aufgegeben hätten, dann würden wir da noch irgendwo wühlen, aber das Risiko, sich Erfrierungen an den Füssen zu holen, wäre zu hoch gewesen.
Die nächsten zwei Tage ziehen wir langsam an der Westseite des Auzangate weiter. Gelbe Grasbüschel, tiefblaue Seen, wilde Gletscherbrüche und immer wieder Alpakas, - diese Elemente werden mit fast jedem unserer Schritte zu einer neuen Komposition zusammengesetzt.
Jatun Pucacocha
Am dritten Tag sind wir früh unterwegs, der Boden (und das Zelt im Rucksack) ist noch hart gefroren. Unter uns taucht aus dem Nebel eine Alpakaherde auf, zwischen gefrorenen Tümpeln und einer Hütte trifft sie mit einer zweiten zusammen. Ich würde gern mehr über das Leben der Hirten erfahren, wem die Tiere gehören, wie sie das Jahr verbringen...
Später müssen wir den Upismayo queren. Die Gletscher des Auzangate speisen den reißenden Bach. Laut unserer Beschreibung sollen wir möglichst hoch eine Furt suchen, wir steigen wieder auf. Überall sind Steinmänner, wir stolpern hin und her, aber es gibt keine Möglichkeit. Schließlich geben wir auf, laufen am Bach, der bald ein Fluss wird, talwärts. Wir finden einen breiten Weg und bei Upis eine Brücke. Zwischen den Hütten treffen wir die erste Touristengruppe. Hoch zu Ross thront ein Gringo, warum wir denn laufen würden, es gäbe doch Pferde. Plötzlich ist die Zivilisation wieder in unseren Köpfen, wir denken an Häuser und Betten, an Bier und vor allem an richtiges Essen. Im Eilmarsch hasten wir über das Weideland, verlaufen uns und erreichen doch noch am Nachmittag den Ort, wo der Bus nach Cusco schon startbereit wartet.
Alpakas

5. Sibinacocha

Die Cordillera Vilcanota hat uns nicht los gelassen. Nach nur einem Ruhetag in Cusco sind wir wieder da. Am Horizont leuchten die Gletscherberge, vor uns liegt friedlich und ohne eine Welle der tiefblaue Sibinacocha. 4865m hoch und 15km lang - wohl der höchstgelegene große See der Welt. Auch Maximo neben uns ist ganz andächtig. Er war noch nie hier, trotzdem hat er uns mit seinem Taxi hergebracht. Von Sicuani haben wir über die Rumpelpiste fast vier Stunden gebraucht. Nun kann er gar nicht verstehen, daß wir uns hier aussetzen lassen wollen und dann noch gar zu Fuß über die Berge...
Wir ziehen los, die Rucksäcke sind viel leichter, keine Bergausrüstung und nur für vier Tage Essen. Unser Zeitplan ist knapp, es gibt nur einen Reservetag, dann geht der Rückflug. Es darf also nichts schief gehen, wir müssen die Straße bei Mallma hinter den Bergen erreichen. Auf der Piste legt sich der Staub von Maximos Taxi, sie ist kein Rückweg für uns, es gibt keinen Verkehr.
Andengänse
Den ganzen Tag laufen wir am Ufer, und genießen die unglaublich friedliche Stimmung. Es ist absolut einsam, keine Trekker oder Expeditionen und auch keine großen Herden mehr. Nur ein paar Wasservögel, vor allem Andengänse, wie immer paarweise. Und einmal über uns am Hang zwei galoppierende Reiter. Als sie rasten holen wir sie doch ein, auch ein Paar. Sie waren Einkaufen (oder Tauschen): Coca und Batterien für das Transistorradio, das vor sich hin krächzt, obwohl es kaum Empfang gibt.
Nachmittags ereichen wir Yayamari, die einzige Siedlung am Ostufer. Unter dem gleichnamigen 6000er liegen an einer Bucht zwei Adobehütten, sogar mit Blech gedeckt. Der einzige Anwohner kommt uns entgegen. Das Reiterpaar war schon da und hat Coca gebracht, der grüne Brei tropft aus seinem Mund. Sein Quechua ist nur mit wenigen Brocken Spanisch versetzt, leider verstehen wir nicht viel und verabschieden uns bald. Die nächsten Tage haben wir dann niemand mehr gesehen.
Abends finden wir einen schönen Platz auf einer Landzunge. Dicke Gewitterwolken sind aufgezogen, und als wir todmüde in die Schlafsäcke sinken ist um uns alles weiß überzuckert.
Morgens am Sibinacocha

6. Durch den Korridor

Rasch taut die Morgensonne den Boden und das gefrorene Zelt. Wir bummeln um die Nordbucht des Sees. Der helle, feine Sand des Gletscherschliffs lässt hier das Wasser türkis leuchten, eine kleine Flamingokolonie setzt rosa Kontrapunkte. Den Puca Orjo müssen wir durchwaten, eiskalt aber unproblematisch. Und dann suchen wir schon bald einen neuen Lagerplatz, denn vor uns liegen nur noch Gletscher und Geröllhalden. Morgen müssen wir da in einem Zug durch. Doch vorher machen wir ohne Gepäck einen langen Ausflug hinauf, und betrachten diese karge, aber farbenprächtige Welt von oben.
Gletscher im Korridor
Im Korridor - Huarurumicochas
Auch hier ist auf der Militärkarte nur eine weiße Gletscherfläche eingetragen. Die Gletscher haben sich zurückgezogen und einen Durchgang freigemacht - den Korridor. Im Schutt der Moränen hat sich ein schmaler Pfad gebildet. Noch vor Sonnenaufgang folgen wir ihm, die tiefverschneite Westflanke des Jatunriti leuchtet im Mondlicht. Den ganzen Tag trotten wir durch eine unglaubliche Steinwüste, dicht an den Gletschern. Wir überschreiten einen 5300m hohen Pass und steigen ab, immer weiter durch das Geröll. Das Tal öffnet sich und die Gletscher geben eine Seenplatte frei - nur der unterste Huarurumicocha ist bereits kartographiert. Er hat keinen Abfluss, sein trübes Wasser versickert in der gigantischen Moräne, die der Gletscher aus dem Nachbartal davor geschoben hat. Auf und ab geht es auch noch über diese Moräne, dann - endlich - blicken wir steil hinunter auf Gras und weitere Seen. In der Ferne leuchtet ein Edelstein - der Singrenacocha -, aber ein heftiger Graupelschauer zieht den Vorhang wieder zu. Wie auf Styroporkugeln rutschen wir die steile Stirn der Moräne hinunter. Die erste ebene Fläche nutzen wir und quetschen unser Zelt zwischen die Büschel aus Ichugras.

7. Singrenacocha

Mullucocha
Nach dem gestrigen Tag der Steine ist heute der Tag des Wassers: Überall quillt es aus den Ritzen, trüb wie dünner Milchkaffee. Zwischen Polstern aus hartem, grünem Gras mäandrieren Bäche, formen sich Tümpel und Seen. Unten im Tal sammelt sich dann die ganze Brühe im Singrenacocha, und schlagartig ändert sich die Farbe. Grotesk türkis, unwirklich und aufdringlich liegt der 4km lange See zwischen dürftig begrasten Moränenrücken. Hoch über dem Ufer wandern wir dahin, geblendet von der grellen Farbe. An seinem Nordufer errichten wir ein letztes Lager, gegen Abend verliert der See sein türkis und wird blau - richtig erholsam. Zum Sonnenuntergang steigen wir noch einmal auf, nach 400 steilen Höhenmetern an der Seitenmoräne kommen wir auf das Plateau des Cerro Chullucucho und verabschieden uns von den Bergen der Vilcanota.
Am nächsten Tag geht alles ganz schnell. Schon am frühen Morgen sind wir in Mallma. Wie eine Mauer durchschneidet der Betondamm der neu gebauten Straße dieses Dorf. Und nachmittags spazieren wir durch die Gassen der Inkahauptstadt Cusco.
Singrenacocha
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© Text und Fotos: Tilmann Graner

Anhang: Informationen

Die Cordillera Vilcanota in Peru ist sicher eines der schönsten Trekkinggebiete weltweit. Immer kann der Blick frei über die baum- und strauchlose Landschaft schweifen, es gibt keine tief eingeschnittenen Täler. Spektakuläre Eisgipfel, idyllische Seen und riesige Alpakaherden lassen nie Monotonie aufkommen. Das gesamte Gebirge ist inzwischen leicht zu erreichen aber unerschlossen, es gibt keine Dörfer oder Straßen. Hier ein paar grundsätzliche Infos.
(Alle Angaben nach eigenem Erkunden (8/2008), aber ohne Gewähr!)


Charakter und Gefahren

Die Umrundung des Auzangate ist eine populäre sechstägige Trekkingtour, noch nicht überlaufen. Fast alle kommerziellen Veranstalter Europas haben sie im Programm, auch einige Agenturen in Cusco. Man kann sie gut auch selbstständig durchführen. Abseits dieser Route ist man für sich, vor allem am Sibinacocha ist absolute Einsamkeit garantiert.
Das Gehgelände ist selten wirklich schwierig, man kann Distanzen und Höhenunterschiede moderat gestalten. Die meisten Pässe sind - bis auf den Huayruro-Pass und den Korridor - mit Tragtieren passierbar. Sie überschreiten die 5000er Marke und nur am Ausgangsort Tinqui ist man unter 4400m. Bei Problemen ist ein schneller Abstieg kaum möglich, Hilfe u.U. Tagesmärsche entfernt und auch dann schwierig zu organisieren. Deshalb ist die Vilcanota ein anspruchsvolles Trekkinggebiet. Exzellente Akklimatisation vor Beginn und Kenntnisse über die Höhenkrankheit sind unerlässlich. Wegen der vielen Tiere muß Trinkwasser behandelt werden.

Jahreszeit und Klima

Von Juni bis August ist die beste Trekkingzeit. Diese Wintermonate gelten als trocken, die Wetterstabilität mancher Andenregionen wird aber auch dann nicht erreicht, zu nahe ist das Amazonasbecken. Spätnachmittägliche Gewitter mit Schnee- oder Graupelschauern sind die Regel, ebenso sonnige Vormittage. Auch ergiebigere Schneefälle sind möglich. Es wird von Nachttemperaturen bis -15°C berichtet, am Sibinacocha auch darunter. Bei uns blieb es meistens bei -5°C. Passende Ausrüstung und Erfahrung im Umgang mit Kälte sind notwendig.

Berge

Von den meisten Pässen aus sind Aussichtsgipfel um 5500m einfach zu erreichen. Uns hat der Nevado Huayruro Punco besonders gefallen. Auch der Campa Uno ist ein beliebtes Ziel, für ihn braucht man Steigeisen. Die höheren Gipfel weisen meist extreme Schwierigkeiten auf, lediglich Auzangate (6372m), Jatunriti (6106m) und Yayamari (6049m) sind mit PD/AD moderater bewertet. Aber auch davon sollte man sich nicht täuschen lassen: Instabile Schnee- und Eisverhältnisse, zerrissene Gletscher und die geringe Frequentierung machen das Bergsteigen wesentlich anspruchsvoller als z.B. in der Cordillera Blanca.

Zugang
Sicuani
Tinqui (auch Tinki, Tinke) ist der wichtigste Ausgangsort. Hier kann man Führer, Tragtiere und Treiber (=Arrieros) engagieren. Der Guide Cirilo Gonzalo Huaman (tel. 984391965) ist eine empfehlenswerte Anlaufstation. Einkaufs- und Übernachtungsmöglichkeiten sind bescheiden, es gibt ein schönes Zeltgelände am Fluss, 10min vom Ort. Tinqui ist dank neuer Straße inzwischen gut zu erreichen. Knappe drei Stunden braucht der Bus ab Cusco. In der Avenida T. Tito Condemayta in der Nähe des Coloseo Cerado gibt es mehrere Abfahrten täglich, meist vormittags, u.a. von "Transporte Huayna Ausangate" (tel. 222995 o. 984650922), Kosten 3 €.
Mallma liegt nur eine Autoviertelstunde weiter an der Straße, für Touren um den Singrenacocha der direktere Ausgangsort. Es soll auch dort Arrieros geben, größeren Gruppen sei dennoch empfohlen, Tragtiere in Tinqui zu organisieren.
Chillca ist auf einer Jeep-Piste zu erreichen, kommerzielle Veranstalter lassen sich von Cusco aus zu dieser zentral gelegenen Siedlung bringen.
Sicuani. Diese 40.000-Einwohner Stadt an der Strecke Cusco-Puno hat besonderes Flair - sie ist gringofrei! Wer erleben möchte, wie eine peruanische Kleinstadt ohne Touristen funktioniert, wird sich hier wohlfühlen. Busse ab Cusco brauchen 2,5h und fahren im Terminal ab, "Power" tagsüber alle 1-2h. Die Piste von Sicuani zum Südende des Sibinacocha ist so gerade mit PKW befahrbar, knapp 4h. Wir haben uns mit dem Taxi fahren lassen und dafür ca. 100€ bezahlt. Wer mehr Zeit hat, kann versuchen, sich mit dem Collectivo nach Santa Barbara durchzuschlagen und dort einen Transport organisieren. Regelmäßigen LKW-Verkehr gibt es auf dieser Route nicht mehr, man sollte sich nicht darauf verlassen, am See eine Fahrgelegenheit zu finden.
Literatur und Karten

Fast jeder Berg der Vilcanota kann mit mindestens vier Namen glänzen: zwei der Einheimischen, ein weiterer auf der Karte und noch einer von den meist deutschsprachigen Erschließern. Dies macht vor Ort Verständigung schwierig. Größere Orientierungsprobleme wird man aber nicht bekommen, am ehesten verheddert man sich auf den Pfaden um Tinqui, wenn man dort ohne Arriero startet.
Trekkingführer: Oskar E. Busch, Peru, Bergverlag Rother. Ausführliche Beschreibung fast aller Routen. Es gibt kleine Fehler, die Zufahrten sind nicht mehr aktuell. Der Autor hat in Peru 4500km erwandert, er kennt worüber er schreibt! Trotz nicht ganz übersichtlicher und etwas altbackener Aufmachung das Standardwerk für Fußgänger in Peru.
Bergsteigen: John Biggar, The Andes - A Guide For Climbers, BigR. Nur äußerst knappe Beschreibungen.
Das Buch „Die Anden“ von Hermann Kiendler im sympathischen Panico Alpinverlag ist schön aufgemacht. Leider kennt der Autor die Region nicht selbst und hat aus den beiden Büchern oben fehlerhaft abgeschrieben. Schade!
Karten: Viel taugen sie nicht, die Miltärkarten des IGM. Trotzdem braucht man sie. 2643 (28-t), Ozongate, deckt den größten Teil des Gebietes ab. Maßstab 1:100000.

Ausblick

Auch die Vilcanota wird sich verändern. Das ist nichts schlimmes, und den indigenen Bewohnern, die dort leben müssen und nicht einfach nur spazieren gehen, sei jede Verbesserung gegönnt. Die Errichtung einer Comfort-Lodge = Luxushotel-Kette sprengt jedoch nicht nur optisch jeden Rahmen. Sollten Sie die Vilcanota besuchen wollen, benutzen Sie vorhandene, lokale Strukturen in den Ausgangsorten. Daß man nichts hinterlässt und das Leben der Einheimischen respektiert, versteht sich von selbst.
Tinqui
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© Text und Fotos: Tilmann Graner
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