Salar de Uyuni

Salar Uyuni
Stille. Es ist einfach nur still. Kein Mensch, kein Tier, kein Wind - nichts. Um uns herum eine gleißende, weiße Fläche, zig Kilometer in jede Richtung. Trotz Sonnenschein ist es kalt, wir sind dick angezogen. Immer wieder reden wir vom Eissee - aber es ist Salz. Kompakt, viele Meter dick, meist in sechseckigen Waben.
Wir sind auf einer Insel gelandet. Bevölkert von hunderten Kandelaber-Kakteen. Alle sind sie anderes, jede ein Individuum. Einige lächeln uns an, andere grinsen verschlagen, manche blicken traurig auf zusammengebrochene Leichen. Deren faseriges Holz wird in den umliegenden Altiplano-Dörfern als Bauholz verwendet. Viele erreichen sechs bis sieben Meter. Ihre Stacheln sind 20-30cm lange Waffen, im Abendlicht umschmeichelt sie trotzdem eine weiche Aura.
Viscacha
Ein einsamer Fink haucht der Szenerie kaum Leben ein. Und dann entdecken wir sie. Viscachas. Immer mehr kommen hervor und wärmen sich in der Abendsonne. Merkwürdige Tiere - vorne Hase, hinten Känguru - mit schönem Fell und kräftigem Schwanz.
Über den größten Salzsee der Welt führen ein paar Fahrspuren, auf einer der Inseln gibt es Unterkunft. Die Touristengruppen nächtigen dort, aber wir sind selbständig unterwegs und haben eine Insel für uns. Im weiteren Verlauf der Reise begegnen wir selten den kommerziellen Jeeps. Rigoros hetzen sie in wenigen Tagen und mit Nachtfahrten durch diese einmalige Gegend.

Begegnungen

Mitten auf dem Salar, fernab der Fahrspuren treffen wir eine junge bolivianische Familie. Ein Reifen ist völlig zerfetzt. Mit ihrem verrottetem Werkzeug lässt sich keine Schraube lösen, aber Dank unserer schweizerisch gepflegten Ausstattung ist der Radwechsel schnell erledigt. Beim Abschied werden wir gefragt, was unsere Hilfe denn kosten soll. Typisch Südamerika, noch im letzten Winkel wird alles nur über Geld geregelt.
Das bolivianische Hochland ist sicher einer der unwirtlichsten Orte, an denen Menschen dauerhaft siedeln. In 4000m Höhe sinkt die Nachttemperatur im Winter auf -20°C, im Sommer weicht der Niederschlag nicht nur die wenigen Pisten, sondern auch die Adobe-Hütten auf. Aber entgegen der Angaben in der Reise-Literatur treffen wir auf freundliche Menschen. Eher reserviert und zurückhaltend, aber nicht ablehnend. Immerhin fahren wir dort zum Vergnügen umher, wo sie kaum überleben können.
Wir nehmen einen Traktorfahrer und seinen defekten Vergaser mit. Fast eine Stunde brauchen wir bis in sein Dorf, er erzählt von seiner studierenden Tochter, vom Internet und Quinua-Anbau. Später steigt ein junger Mann mit seiner alten Mutter ein. Sie ist winzig und zerbrechlich und zittert vor Angst am ganzen Körper. Offensichtlich ist sie noch nie in einem Auto gesessen, als sie aussteigen wollen, weiß sie nicht, wie sie aus der Blechbüchse wieder herauskommen kann.
Chiguana
In der Hochwüste zwischen den Salzseen und Vulkanen gibt es dann keine Siedlungen mehr. Nur ab und an eine Mine, aber selten sieht es nach kommerzieller Nutzung aus. Meist versuchen einsame Männer in längst aufgelassenen Anlagen noch Verwertbares zusammen zu kratzen.
Der junge Militärposten in Chiguana will plaudern, fragt nach diesem Papier und jener Kopie. Aber bald gibt er das Spiel auf. Der Friedhof erzählt alles über diesen Ort an der Bahnlinie nach Chile.

Bunte Seen

Diese Farben glaubt man einfach nicht. Um weiße Borax-Inseln und schwarzen Basalt das Rot und Orange der Laguna Colorada. Eine Schlechtwetterfront verabredet sich mit dramatischem Abendlicht, es entsteht eine ganze Sinfonie an Stimmungen. Und die Flamingo-Kolonie spielt auch mit.

Salar de Challaviri
Der Salar de Challaviri zeigt eine komplette Palette von Blau-Tönen. Eis- und Salzkrusten sind nicht voneinander zu unterscheiden. Und drum herum setzt vulkanischer Auswurf einen komplementären Kontrapunkt in Schwefelgelb und Eisenrot. Wir baden in einer warmen Quelle, direkt daneben ist das Wasser gefroren.
Laguna Verde - Licancabur
Blei, Schwefel, Kalzium und Arsen sind die Zutaten zur Laguna Verde. Grün und Türkis leuchtet der See wie ein Edelstein. Hier erwischen wir eine bitter kalte Nacht. Bei Temperaturen unter -25°C ist morgens selbst diese Giftsuppe gefroren, und trotz Sonnenschein treiben den ganzen Tag Eisschollen.

Benzin

San Juan ist ein erstaunlich beschauliches Dorf zwischen dem großen Salar und der Wüste mit den bunten Lagunas. Hier müssen wir alle Kanister und Zusatztanks füllen. Nach viel Fragen finden wir eine Hütte mit Benzinfass, eine weitere Stunde später ist auch der Besitzer ausfindig gemacht. Das Fass wird auf einen Hocker gewuchtet und mittels Eimer und Schlauch sind unsere Behälter bald gefüllt.
In Colchani an der Auffahrt zum Salar gibt es eine richtige Tankstelle. Aber als wir auf der Rückfahrt dort dringend Nachschub brauchen, ist der Sprit alle, no hay. Wir fragen wie weit es nach Rio Mulatos ist, der nächsten größeren Siedlung. Lejos, weit. Wie weit? Muy lejos! Ein Tankwart hat keinen Begriff für Entfernungen.
Aber schon bald finden wir ein Dorf, eine Hütte mit Benzinfass und nach einer Weile auch den Inhaber. Und später, auf einer Piste mit vielleicht sechs Vehikeln täglich, einen Mopedfahrer. Sein Sprit ist alle, aber stolz zeigt er uns Schlauch und Kanister. Nur sind unsere Zusatztanks leer, und der Haupttank mit einer verborgenen Klappe gesichert. Aber irgendwann ist der Schlauch da doch durch, und das Töff tuckert wieder durch die Wüste.
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Wüste und Vulkane

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Die letzen Ausbrüche liegen viele tausend Jahre zurück, und doch sieht es aus, als wäre es eben passiert. Schwefelbrocken liegen auf dem bunten Auswurf, bis auf ein paar Fahrspuren ist alles unberührt. Ab und an stehen ein paar hausgroße Felsen im Kies und bröseln vor sich hin. Formen von bizarrer Schönheit sind so entstanden, an einer Stelle heißen sie Dali-Rocks.
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Vereinzelt trauen sich Grashalme an die Oberfläche und manchmal bilden karge Polster geometrische Muster. Weiter unten Steppen-Landschaft: bis an den Horizont kniehohe Büsche, die schon hunderte Jahre ums Überleben kämpfen. Und Llareta, das einzige Grün. Es kann mehrere Quadratmeter bedecken und sieht aus wie Moos. Aber es ist steinhart und ein zurückentwickelter Busch, innen verholzt.
Die Vulkane erreichen die 6000 Meter, es gibt hier keine Gletscher und wenige Schneefelder. So schön sie anzuschauen sind, für uns Bergsteiger sind sie kein Vergnügen. Allein besteige ich den Cerro Pabellon. Er thront über der Laguna Colorada und eigentlich sieht der Aufstieg von Süden harmlos aus. Es gibt zwar keinen Pfad, aber der Schotter ist nicht zu steil und lässt sich gut laufen. Doch bald balanciere ich über mürbe Blöcke, groß wie Gefriertruhen. Wenn sie nicht unter mir zerbrechen, drohen sie zu kippen - und die Nachbarn mit. Sturm kommt auf, der Wind greift den Körper an, die Sicht wird schlecht. In kurzer Zeit hat sich ein anständiges Horrorszenario zusammengebraut. Nach unten will ich hier nicht, zu fragil ist das Gestein. Auf dem Gipfel peitscht mir ein Graupelschauer ins Gesicht, aber ich finde einen etwas besseren Abstieg.
Der Licancabur über der Laguna Verde ist höher, aber einfacher. Es gibt einen klaren Pfad, denn schon die Inkas haben ihn bestiegen. Die Besteigungen von abgelegenen Bergen dieser Höhe in präkolumbischer Zeit sind ein ungeklärter Mythos. Aber vielleicht kann die Überlegenheit einer Herrscher-Kaste nicht besser demonstriert werden, als durch die Fähigkeit, sich in diese ebenso unwirtliche wie berührend schöne Landschaft zu begeben.
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Flamingos und Vincuňas

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Am Salar de Challaviri hatten wir eine weitere Nacht mit ca. -25°C. Die Morgensonne ist gerade da, aber der Anlasser mag sich noch nicht drehen. Wir gönnen ihm und uns die Erwärmung und spazieren die Küste entlang. Das seichte Salzwasser ist kompakt gefroren. Darinnen vier Flamingos, bis zu den Knien wie einbetoniert. Nur einer ist schon aufgetaut und steht durchgefroren und steif auf dem Eis. Nach einer Weile watschelt er zu Fuß los. Wir folgen am Ufer, er führt uns zu einer großen Kolonie.
Hunderte Vögel sind hier, aber nur ganz langsam kommt das Leben in Gang. Mit dem Schnabel wird kopfüber Nahrung aus dem Salzwasser gefiltert. Der Flugbetrieb und das Schnattern nimmt allmählich zu. Plötzlich verabreden sich ein paar Jugendliche und üben ihren Balztanz. Noch etwas unsynchron, aber sicher nicht zum ersten Mal. Als wir zurückkommen, befreit sich gerade der letzte der Festgefrorenen. Und auch das Auto ist nun soweit, den Tag zu beginnen.
Das Überleben der zarten Vögel hier ist unglaublich anrührend, das der Vicuňas ebenso. In kleinen Gruppen halten sie große Fluchtdistanz und sind stets wachsam. Aber wohin sollen sie in der weiten Landschaft fliehen? Es sind zarte Geschöpfe, die kleinsten der Kameltiere. In 5000m Höhe lecken sie den ganzen Tag zwischen den Steinen herum, was sie da finden entzieht sich unserer Kenntnis. Ihre Kotplätze sind klar abgegrenzt, kreisrund und bis zu zwei Meter im Durchmesser. Als hätten sie Angst, die Landschaft zu beschmutzen. Sie scharren längliche Schlafkuhlen in den Kies, gleichmäßig wie im japanischen Garten. Ihr schönes Fell liefert die wärmste Wolle der Welt, und deswegen wurden sie beinahe ausgerottet. Sie sind nun streng geschützt, aktuell nehmen die Bestände deutlich zu. Im Dreiländereck Chile-Peru-Bolivien wird einmal im Jahr eine große Herde zusammengetrieben und geschoren. Ein Kilo Rohwolle wird für 1000 US-$ gehandelt. Sie gelten als nicht domestizierbar, und doch haben die Inkas aus ihnen Alpakas gezüchtet.
An einem Checkpoint im Hochland wird uns ein gefangenes Tier vorgeführt. Es ist am Verenden, das Fell ist stumpf. Für ein paar Bolivianos sollen wir es fotografieren. Natürlich lehnen wir ab, aber ich bin auch zu feige, etwas zu sagen.
Vicunas

Zurück

Ein langer Damm führt durch Salzschlamm zurück zum Salar de Uyuni. Wir hatten schon erheblich Probleme, die Piste hierher überhaupt zu finden. Am Ende des Steinwalls ist das Salz zwar kompakt, aber es steht unter Wasser. Bis zu den Radnarben, und die Ausdehnung der Überflutung ist nicht abzusehen. Es gefällt uns gar nicht, aber wir können die Situation nicht abschätzen und beschließen umzukehren. Wieder auf dem Damm steige ich zum Fotografieren auf das Autodach - und sehe am Horizont einen weißen Streifen. Jetzt wagen wir uns doch durch das Wasser, und schon nach wenigen Kilometern stehen wir auf trockenem Salz. Der Jeep hat nun eine dicke Kruste, aber wir fliegen mit 100km/h über die Sechsecke. Das GPS gibt die Richtung, und nach einer Stunde sind wir wieder auf „unserer“ Insel.
Zwei Tage später navigieren wir durch die Häuserschluchten von La Paz und geben das Auto zurück. Im Anschluss gelingt uns ein einwöchiges Trekking über zwei weglose, 5000m hohe Pässe hinab in die Yungas. Und die Besteigung der 6000er Potosi, Sajama und Illimani - in 10 Tagen, mit öffentlichen Bussen und nur zu zweit, ohne Träger oder Führer. Aber das ist eine andere Geschichte.
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© Text und Fotos: Tilmann Graner

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